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Textstück 57

Nicht Himmel, sondern Licht über der Häuserzeile, von schräg unten nicht plastisch –, flächig, wie abgeschnitten oben, »der Saalcharakter der Straße«, ein milchiges Schimmern vor dem Nachthimmel, der nicht da ist, das Licht vom Bahnhof Gesundbrunnen, rechts die leeren Gewölbe der Swinemünder Brücke, die Bebauung, worunter früher Tante Hertha kickte: enorme Betonaufwendung. Wo die Lichtburg sein sollte, ist nichts.

Textstück 61

Was ist die Motivation, etwas zu tun oder nicht? Eine grundlegende Bereitschaft, sich wohlzufühlen. Überhaupt etwas tun zu können. Obwohl man zweifelt.

Textstück 112

Weniges wiegt einen so in Sicherheit, wie das, was wir wissen, wissen können, bald wissen werden, wenn wir das wissen. Der Satzbau unterstützt dies, die Orthographie. Alles Bilder von längst Gesehenem, alles wiegt in Sicherheit.

Textstück 13

Vielleicht konnte man sagen, wir waren vernünftig geworden. Wir dachten früher nie daran, dass diese Eigenschaft »Vernunft« — wenn es denn so etwas war, und nicht eher eine Errungenschaft oder ein glücklicher Zufall — je auf uns passen würde. Nun hatten wir sie uns aufgesetzt wie eine Mütze, die uns mehr oder weniger kleidete. Jedenfalls schützte sie vor Zugluft.

Textstück 378

Das ist ein Haus. Das ist der Himmel. Das ist die Sonne. Die Sonne hat ein Gesicht. Die Sonne lacht und sieht lustig aus.

Textstück 6

Ein herbeigeholter Zeuge, er kann nichts wissen, gibt aber vor, dabei gewesen zu sein. Wir erkennen ihn daran, dass er seinem Tun und Sagen Sinn beifügen will. Er kann nicht für sich allein sein. Nicht ohne Stütze stehen. Er lehnt sich gegen eine Wand, die ihn verschlucken wird. Er nennt uns ungefragt seinen Namen. Wir hören nicht hin, weil wir ihn verachten. Weil wir es besser wissen.

Textstück 135

Weit ausholend, mit großer Geste, weist jemand auf ein Unglück hin, das einige unter uns ereilt hat. Dieser aber steht abseits, wie ein herbeigeholter Zeuge, und gestikuliert. Versteht er, worum es geht? Hat er genügend Muster zum Vergleich zur Hand, um die Tragweite dessen, was geschah, zu ermessen? Ich jedenfalls äußere Zweifel. Es ist unklar, was wirklich passiert ist. Einige sagen so, andere so. Einigkeit konnte noch nicht erreicht werden.

Textstück 4

Je blauer der Himmel, desto heller die Schatten. Doch nur, wenn man nicht hinaufgeschaut hat. Sonst wäre nur kurz dauernde Finsternis, pelzig wie alter Rettich.

Textstück 144

Wir begaben uns an Tische, die da herumstanden. Man konnte Platz daran nehmen und dann bei lustigen Kellnerinnen, die auftauchten wie aus weiter Ferne, Kaffee und anderes bestellen. Die lustigen Kellnerinnen nahmen die Bestellungen wie Hinweise auf’s große Ganze und gingen damit auf und davon, als ob es kein Morgen gäbe. Wir bewunderten sie für ihren Elan unmittelbar. Dann saß da noch eine Eule auf einem der Tische und machte kaum Geräusche. Sie pickte nach Krumen und war wahrscheinlich ein Sperling.

Textstück 235

Nichts ist mehr zu sehen vom sogenannten Palast, dessen einziger Makel es war, nicht in Marzahn-Hellersdorf gebaut worden zu sein. Nun reicht der Blick weit über’s Leere, vom »Schinkelplatz« zum Bahnhof am Alex, über eine enorme Grünanlage. Die hatte man schon vor Jahrzehnten da hingetan, nachdem die Innenstadt abgeräumt war. Solche Landschaften, die gibt es ja nur in Berlin.